Die Kunst des Briefeschreibens – Interview mit Gaby von SCHRIFTSCHATZ

Flatlay des aufgeschlagenen Buches "Die fast vergessene Kunst des Briefeschreibens" von Gaby Trombello-Wirkus und Titus Müller.

Bammmm! Da waren sie. Neonfarbene Weihnachtskarten. Wir haben tatsächlich zweimal schauen müssen. Und dann das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekommen. Mit neonfarbenen Weihnachtsmotiven hat uns Gaby Trombello-Wirkus vergangenes Jahr überrascht. Was sie da in unsere Ultra Neon Hüllen gesteckt hatte, hat uns angezogen. Erst anschließend haben wir entdeckt, was Gaby mit Ihrem Düsseldorfer SCHRIFTSCHATZ noch so anstellt. Das ist eine ganze Menge: In Ihrem Atelier und Workshop-Space im Düsseldorfer Kreativviertel Flingern gibt sie Kurse zu Handlettering und Kalligrafie oder gestaltet Papeterie. Vor allem wird aber ein Ziel bei ihr deutlich: Sie will den Spaß an der eigenen Handschrift neu entfachen. Mit dieser Mission ist Gaby auch zur Buchautorin geworden. Im Ausblick auf den Tag des Briefeschreibens stellen wir Euch Gaby Trombello-Wirkus, ihren SCHRIFTSCHATZ und das ganz besondere Buch „Die fast vergessene Kunst des Briefeschreibens“ in einem Interview vor.

PD: Liebe Gaby, stell Dich doch bitte kurz selbst vor. Was uns dabei besonders interessiert: Wie kam es zu dem Wechsel aus der Werbebranche zu SCHRIFTSCHATZ?

Gaby: Als Grafikerin habe ich mich bereits im Studium mit dem Thema Kalligrafie beschäftigt und es sehr geliebt. Ich bin dann aber erstmal in der Werbebranche gelandet.

Mit meiner Agentur habe ich viele Jahre lang vor allem für Markenartikler und große Ketten im Bereich Haarkosmetik gearbeitet. Das hat zwar auch viel Spaß gemacht und aber für meine eigene kreative Handschrift – im doppelten Sinn – war dort wenig Platz.

Und dann war da irgendwann die Gelegenheit zu Neuorientierung. Oder auch back-to-the-roots, ganz wie man es sehen will. Der SCHRIFTSCHATZ. Das Projekt beinhaltete die aufwendige Restauration des Gebäudes – ein Haufen Steine in einem einsturzgefährdeten Gebäude – und den ganz tiefen (Wieder-)Einstieg in das Thema Handschrift.


Gaby Trombello-Wirkus beschriftet eine rote Weihnachtskugel mit Handlettering
Neben Papier lettert Gaby auch auf Weihnachtskugeln und anderen Materialien. Handschrift hat mehr als eine Bühne verdient.

PD: Was ist der Reiz der Handschrift für Dich, dass Du Ihr Deinen Beruf / Deine Berufung widmest?

Gaby: Ich habe den schönsten Beruf der Welt! Fast alle Teilnehmer meiner Handschrift-Workshops starten mit dem Satz: “Meine Schrift ist so schrecklich!” Dann bitte ich alle sich erst einmal zu entspannen – schaut Euch Eure Schrift genau an. Analysiert, was Euch stört, aber auch, was Euch gut gefällt. Unsere Handschrift ist einzigartig und ein Werkzeug, mit dem wir unser Leben lang unsere Individualität und auch unseren Willen bekunden können. Sie verändert sich mit uns, je nach unserer Lebenssituation.


Frau zeigt Workshop Teilnehmerinnen wie sich Handschrift entwickeln kann.
Das Ziel von Gabys Workshops: Die Freude an der eigenen Handschrift neu entfachen!

Sich mit ihr zu beschäftigen, heißt, sich mit sich selbst zu beschäftigen, sich Zeit für sich zu nehmen und auch Ruhe zu finden. Jeder, der kreativ sein möchte, aber vielleicht nicht weiß in welcher Disziplin, kann bereits mit seiner Handschrift so viel ausdrücken und ausprobieren.

Wir können uns mit wunderschönen Materialien beschäftigen, und es ist ein endloses Thema. Ich selbst entdecke fast täglich neue Schriften oder verfolge, welche Trends sich entwickeln. Wen es einmal gepackt hat, der bleibt meist dran.

PD: Ist das Briefeschreiben die schönste Bühne für eine Handschrift?

Gaby: Mit Handschrift kann man ganz wunderbar kreativ gestalten. Kalligrafische Arbeiten, Handletterings, Wand- oder Tafelbeschriftungen – all das bietet den Raum dafür.

Vor allem aber sind es die Briefe, die andere Menschen ganz direkt und persönlich erreichen. Natürlich können wir heute jederzeit online chatten oder emailen. Was da fehlt, ist der persönliche Fingerabdruck.


Detailfoto aus dem Buch "die fast vergessene Kunst des Briefeschreibens" das die einleitenden Worte einen Briefes von Kafka zeigt.
Mit diesen Worten leitet Kafka seinen Brief ein.

Ein handgeschriebener Brief ist soviel mehr, als nur der bloße Inhalt. Schon die Auswahl der Materialien: Welches Papier oder was für ein Umschlag wähle ich, schreibe ich mit Füller oder lieber mit einem anderen Stift, welche Tinten und Farbkombis würden passen…herrlich.


Blick in eine Doppelseite des Buchs von Gaby Trombello-Wirkus und Titus Müller, das zur Wahl der Stifte und Papiere beim Briefeschreiben berät.
Allein die Auswahl der Materialien ist die pure Freude. Und ganz sicher auch ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber dem Empfänger oder der Empfängerin.

Die Zeit, die ich mir nehme, mir über den Adressaten und das, was ich ihm oder ihr schreiben möchte nachzudenken, ist so wertvoll. Ein Brief ist in unserer schnelllebigen Zeit etwas ganz Besonderes. Ein kleiner Schatz.

Über all das, den Aufbau eines gelungenen Briefes, die Optimierung der Handschrift, die Wahl der Materialien, schreiben wir in unserem Buch „Die fast vergessene Kunst des Briefeschreibens“ . Im Wechsel mit den spannenden, anrührenden und interessanten Geschichten, in die Briefe berühmter Persönlichkeiten eingebettet sind, ergibt sich ein hoffentlich anregendes Leseerlebnis. Denn unser Ziel war, die Lust am Briefeschreiben neu zu entfachen.

Warum nicht einfach mal wieder losschreiben?


Blick auf das Buch "Die fast vergessene Kunst des Briefeschreibens" von Titus Müller und Gaby Trombello-Wirkus
„Die fast vergessene Kunst des Briefeschreibens“ von
Gaby Trombello-Wirkus und Titus Müller.

PD: Im Buch beleuchtet Titus Müller die Briefe historischer Persönlichkeiten. Gibt es einen Brief, einer berühmten Person, der Dich besonders fasziniert?

Gaby: Oh, da gibt es so viele. Einige davon hat Titus Müller in unserem Buch ja wirklich spannend und anrührend dargestellt. Ich habe sehr mit Clara Wiek und Robert Schumann gefiebert, die ihre, von Claras Vater verbotene Beziehung, geheim halten mussten. Sie kommunizierten fast nur über Briefe. Auf den Konzertreisen war es somit nicht immer einfach, dass die geheimen Briefe den anderen auch erreichten. Was für eine Spannung und was für eine Qual, wenn man nicht wusste, wie es dem anderen ging und ob die Liebe noch lebendig war. Für uns in unserer Zeit der schnell zirkulierenden und digital austauschbaren Nachrichten natürlich kaum mehr vorstellbar. Aber die Gefühle, die waren sicher damals wie heute die Gleichen.


Detailfoto einer Buch Doppelseite. Der Text zeigt Auszüge aus dem Briefwechsel zwischen Robert Schuhmann und seiner späteren Frau Clara.
Auszüge aus dem Briefwechsel zwischen Robert Schuhmann und seiner späteren Frau Clara.

PD: Und was war der berührendste Brief, den Du je bekommen hast?

Gaby: Es gab einige Briefe, die mir bis heute sehr lieb sind. Gefreut habe ich mich über den Briefwechsel mit einem Nachbarn, dem ich zum Tod seiner Frau geschrieben hatte. Ich hatte ihm von den vielen schönen Begegnungen mit ihr erzählt. Ganz alltägliche, manchmal auch sehr lustige Erinnerungen. Er hat mir zurück geschrieben, dass ihm dieser Brief sehr viel bedeuten würde, denn seine Frau sei ihm darin so lebendig und mitten im Leben erschienen. Genauso sollte es auch sein.


In Briefen geht uns leichter von der Hand, was von Angesicht zu Angesicht
oft schwer fällt zu sagen.

Mit meiner ältesten Freundin lache ich sehr, wenn wir unsere alten Schulhefte und Klausuren ansehen. Karten, die wir unseren Eltern aus der Skifreizeit geschickt haben. Tagebücher. Wunderbar. Sowohl der Inhalt, als auch die kindliche Handschrift. Eine echte Zeitreise.

Für mich sind heute die Briefe, Postkarten und Geburtstagswünsche, die ich von meinen Eltern erhalten habe, sehr kostbar. Sie sind schon länger verstorben aber in diesen Schriftstücken immer noch ganz nah. Durch Ihre Handschrift. Teilweise weiß ich genau, mit welchem Füller sie geschrieben haben. Das Papier haben sie per Hand beschrieben und ich kann es immer noch anfassen. Dieses physische Erleben kann eine Email nicht liefern.



PD: Wie geht es im SCHRIFTSCHATZ weiter?

Gaby: Nach dem Lockdown ist der SCHRIFTSCHATZ wieder super lebendig. Die vielen, ganz verschiedenen Workshops sind wieder angelaufen. Neue Themen sind im Programm – zum Beispiel „Handlettering trifft Stempelliebe“.

Ein Kurs, der super ankommt. Hier können wir in schönen Papieren und Farben schwelgen und erzählen mit unserer Kombi von Stempeln und passendem Lettering kleine Geschichten in einem einzigen Bild.Wie Ihr wisst, liebe ich Neonfarben sehr und die lassen sich auch hier super einsetzen.

Bald werden die Herbst- und Winterthemen u.a. mit den Weihnachtsworkshops starten und hoffentlich werden auch wieder einige andere Schriftkünstler Ihre Kunst im SCHRIFTSCHATZ in Workshops weitergeben. Ich bin ständig auf der Suche nach Kontakt zu anderen Kalligrafen und Schriftkünstlern, die gerne im SCHRIFTSCHATZ Kurse zu Ihren Spezialthemen geben möchten. Denn das soll die Schreibwerkstatt ja sein. Ein Ort, an dem es um Handschrift in allen spannenden Facetten geht.

Und natürlich freue ich mich auf die nun ebenfalls wieder startenden Events, auf denen ich live schreibe. Messen, Kundenevents und Promotion-Veranstaltungen. Der ganz direkte Kontakt mit Menschen, die sich dadurch für das schöne Schreiben mit der Hand begeistern und oft überrascht sind, was alles möglich ist, hat mir während des Lockdowns schon sehr gefehlt. Darum gilt jetzt umso mehr: Ärmel hoch und los geschrieben!


Portrait von Gaby Trombello-Wirkus in ihrem SCHRIFTSCHATZ Atelier in Düsseldorf.
Gaby Trombello-Wirkus in ihrem SCHRIFTSCHATZ in Düsseldorf.


Vielen vielen Dank an Gaby Trombello-Wirkus, dass sie sich die Zeit für unser Interview genommen hat. Die Liebe zum handgeschriebenen Text kann man so deutlich aus Gabys Worten lesen, uns beflügelt das sehr. Wir hoffen, es geht Euch da genau so.

Gabys SCHRIFTSCHATZ findet Ihr hier:

Wenn Ihr ebenso für das Thema brennt, schaut Doch gern auch einmal in unseren Beitrag zum Tag der Handschrift im Januar und freut Euch auf den kommenden Beitrag zum Tag des Briefeschreibens.

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