Tag des Briefeschreibens – Liebeserklärung an ein besonderes Schriftstück

Handgeschriebener Brief auf Old Mill Briefpapier

Heute ist der Tag des Briefeschreibens und wir möchten ihn nutzen, um Euch zu erzählen, warum persönliche, handgeschriebene Briefe unser Herz erwärmen.

Außerdem zeigen wir Euch, wie wertvoll manche dieser besonderen Schriftstücke in der Literatur sind. Die „Briefe an einen jungen Dichter“ etwa haben unzählige Menschen bewegt, darunter nicht wenige Künstler und Kreative am entscheidenden Punkt ihrer Karriere. Sie bieten Orientierung und Anleitung – bis heute, Jahrhunderte nachdem der eigentliche Empfänger sie erhielt.


Der Tag des Briefeschreibens

Der Tag des Briefeschreibens ist noch relativ jung. 2014 wurde er vom australischen Künstler, Autor und Fotograf Richard Simpkin ausgerufen. Als Liebhaber von handgeschriebenen Briefen, wollte er auf ihren außergewöhnlichen Charakter aufmerksam machen. Und den Menschen im digitalen Zeitalter einen Moment des Innehaltens verschaffen.

Auch für uns ist das oftmals vergessene Kommunikationsmittel etwas ganz Besonderes.


5 Gründe, warum Briefe unser Herz erwärmen:

Ein Brief überbrückt Distanzen

Und das – anders als E-Mails und Telefonate – in materieller Form. Er ist greifbar, haptisch erlebbar, eine Art körperliches Zeichen. Zudem überbrückt ein Brief nicht nur Entfernungen, er schafft auch zwischenmenschliche Nähe. Handschriftliche Worte bewirken eine Intimität, wie sie keine Computerschrift erzeugen kann.

Ein Brief trägt ein einzigartiges Kleid

Ein Brief ist gekleidet in ein Ensemble aus liebevoll zusammengestellten Komponenten. Ein sorgsam ausgewähltes feines Büttenpapier, eine individuelle Handschrift, eventuell aus der Spitze eines Füllers oder gar einer Feder, ein auffälliges Kuvert – vielleicht verschlossen mit Siegelwachs – und eine besondere Briefmarke… sie alle drücken Wertschätzung aus und zeigen: Der Schreiber hat sich Zeit genommen für mich.

Das Buch „Schöne Post“ ist voller Ideen zur Gestaltung individueller Postkunst und eine Hommage an das Briefeschreiben.

Ein Brief ist selten

In die Umlaufbahn unserer digitalen Welt werden täglich abertausende Mails, Postings, Tweets und WhatsApp-Nachrichten geschossen. Ein Brief hat unter ihnen einen speziellen Stellenwert. Seine Seltenheit macht ihn besonders. Und, ein Brief verfügt über einen Ereignischarakter. Entdeckt man in der Post zwischen Rechnungen und Werbung auf einem Briefumschlag die Handschrift eines lieben Menschen, macht sich unmittelbar wohlige Vorfreude breit.

Ein Brief ist außerordentlich persönlich

Schon Theodor Fontane schrieb: „Der Brief soll Aus- und Abdruck einer Stimmung sein“. Er ist ein Medium, in dem man das eigene Empfinden sehr gut darstellen kann. Er fängt die individuelle Wahrnehmung ein und vermittelt sie dem Empfänger. Oft besser als mit dem gesprochenen Wort. Der Inhalt eines Briefs ist meist emotional und ein intimer Austausch zwischen Absender und Empfänger.

Ein Brief fördert die Selbstreflexion

Im Prozess des Schreibens ordnen wir unsere Gedanken, entwerfen Pläne, reflektieren Vergangenes und schärfen den Blick für die Zukunft. Warum also nicht mal einen Brief an sich selbst schreiben? Zum Beispiel an Euer zukünftiges Ich. Diese Briefe sind wie kleine Zeitkapseln. Sie fangen das Hier und Jetzt unverfälscht ein – für den Moment, in dem man zurückreisen will.  


Ein Brief kann der Selbstreflexion dienen oder einem geliebten Menschen eine Freude machen. Und dann gibt es noch Briefe, die tatsächlich einer Vielzahl von Ratsuchenden helfen, die über Jahrhunderte hinweg wertvoll für viele Generationen sind.

Was die Schriftstücke in der Literatur so besonders macht? Sie sind Quelle der Inspiration und ermöglichen Einblicke in fremde Gedankenwelten, um sich selbst darin wiederzufinden. Sie sind lehrreich und hilfreich, sie bieten den Leser*innen Orientierung und Anleitung. Auf einer viel persönlicheren Ebene als es Sachbücher und Ratgeber können.

Unser liebstes Beispiel sind hier Rilkes Briefe an einen jungen Dichter:


Die Briefe des Rainer Maria Rilke

Rainer Maria Rilke (1875-1926) war einer der bedeutendsten Dichter der literarischen Moderne. Neben seiner Dinglyrik schrieb er einen Roman, Dramen, Erzählungen und Aufsätze zu Kunst und Kultur. Aber auch Rilkes Briefe sind als eigenständiger Teil seines literarischen Werkes zu sehen. Denn sie glänzen mit ganz besonderer Ausdruckskraft und Schönheit.

Rund 7000 (!) seiner Briefe sind heute veröffentlicht. Allein das verdeutlicht, dass sie weit mehr sind als eine interessante Quelle für Biografen. Der Dichter geht so feinfühlig auf seine Briefpartner ein, dass man als Leser hautnah eintaucht in gleichermaßen aufschlussreiche wie faszinierende Schriftwechsel, ohne selbst Empfänger zu sein.

Briefe an einen jungen Dichter

43 der Briefe sind auf rilke.de digitalisiert, darunter auch die zehn Briefe an den jungen Dichter Franz Xaver Kappus. Der schreibende Offizier suchte einst Rat bei Rilke, als er vor der Wahl zwischen Soldaten- und Künstlerdasein stand. Er wandte sich mit seinen ersten literarischen Versuchen an den Dichter, der ihm daraufhin von 1903 bis 1908 aus verschiedenen Orten Europas schrieb. Rilke verzichtete darauf, die Werke des jungen Dichters zu kritisieren. Stattdessen zeigte er ihm auf, welche außergewöhnliche Vielfalt an Themen das Leben bereithält.

Bereits ein Jahr nach seinem Tod wurden vier von Rilkes Briefen in einem Sonderheft der Zeitschrift „Das Inselschiff“ veröffentlicht. 1929 schickte Kappus die Briefe an Rilkes Tochter, die sie gemeinsam mit Rilkes Witwe mit einem Vorwort von ihm herausgab. Während Kommunismus und Nationalsozialismus an Popularität gewannen, wollten sie vor allem junge Menschen ansprechen und Rilkes moderne Haltung zur Orientierung im Leben verbreiten. Die „Briefe an einen jungen Dichter“ wurden zum meistgelesenen Buch Rilkes.

2019 hat der Wallstein Verlag erstmals eine Ausgabe herausgeben, die auch die Niederschriften von Kappus neben Rilkes Erwiderungen beinhaltet und beides in zeitlicher Abfolge wiedergibt. Kommentiert sind die Texte von Erich Unglaub.

Den Briefwechsel zu lesen, können wir nur wärmstens empfehlen!

Der Verlag schreibt: „Die »Briefe an einen jungen Dichter« sind das unentbehrliche gedruckte Brevier für Künstler und Kreative am entscheidenden Punkt ihrer Karriere geworden und bis heute geblieben. […] Sie haben ihre Aktualität nicht verloren und an Aussagekraft gewonnen.“

In der Tat! Hier einige Stimmen aus Instagram:

„Ach, Rilke! Wie sehr hast du mir in den letzten Wochen mit deinen Worten zur Seite gestanden…“

„[…] Seit Tagen überlege ich wie ich diese Entwicklungen in die richtigen Worte fassen könnte, […] aber es wollte mir einfach nicht gelingen dem ungeahnten Prozess, dem magischen Wirken der Dinge mit ein paar Buchstaben gerecht zu werden.
Also lasse ich stattdessen Rainer Maria Rilke sprechen, denn dieser herzensweise Poet hatte bereits Anfang des 19. Jahrhunderts in einem Brief an einen jungen Dichter, die schönsten und treffendsten Worte gefunden für das was ich jetzt in den letzten Jahren “an der eigenen Seele” erleben durfte.“

„Wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann suche ich meine Antworten bei Rilke.
Mein Opa hat mir die „Briefe an einen jungen Dichter“ mal geschenkt, da war ich vielleicht 14 und seitdem begleitet mich das Büchlein überall hin. Gerade wenn man versucht seinen Platz im Leben und sich selbst zu finden, dann weiß Rilke immer einen Rat. Irgendwie kann er dieses Gefühl der Ratlosigkeit und Rastlosigkeit gut beschreiben.
Die Briefe haben immer etwas beruhigendes an sich. Wenn ich sie lese, habe ich das Gefühl, Rilke würde mir gegenüber sitzen und meine Hand halten, wie ein guter Freund, […]“

Oh ja, die Bedeutung, die Rilkes Briefe noch heute für so viele Menschen haben, erwärmt unser Herz!


Wann habt Ihr das letzte Mal einen persönlichen Brief verfasst? Wir finden, dass der Tag des Briefeschreibens ein schöner Anlass ist, um jemandem mit ein paar handgeschriebenen Zeilen Aufmerksamkeit zu schenken.

Die „Briefe an einen jungen Dichter“, erschienen im Wallstein Verlag, findet Ihr hier.

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