Skizzenkunst mit Seele – Sandra Chiocchetti im Interview

Skizzenkünstlerin Sandra Chiocchetti in ihrem Atelier

In unserem heutigen Interview nehmen wir Euch mit in die Schweiz, genauer gesagt an den Waldrand von Zollikerberg im Kanton Zürich. Dort lebt, arbeitet und wohnt Sandra Chiocchetti alias @chiosketch. Sie selbst beschreibt sich mit den Worten: „Skizzenkünstlerin, Markenmacherin, Seminar-Leiterin, Autorin, Linkshänderin und Hutträgerin“.

Zu dieser eigentlich umfassenden Beschreibung ihrer Person, möchten wir jedoch unbedingt noch Herz-Erwärmerin hinzufügen. Ihr gelingt es auf unverkennbare und einzigartige Weise ein Stück der Seele ihrer tierischen Motive zum Vorschein zu bringen. Man blickt nicht nur auf ein Wesen, sondern spürt es.

Sandra schafft es mit vermeintlicher Leichtigkeit, ihre Tierzeichnungen so mit Leben zu füllen, dass man beim Betrachten schier darauf wartet, dass sich das Motiv im nächsten Augenblick bewegt. Wir lieben diese Ausdruckskraft und Sandras besonderen, eigenen Stil.

Unser Gespräch mit ihr war ebenso lebendig wie ihre Zeichnungen und unglaublich aufschlussreich. Charmant und voller Esprit gibt Sandra uns einen spannenden Einblick in ihr Leben und ihre künstlerische Arbeit…

PD: So sehr wir heute all die Annehmlichkeiten der Digitalisierung schätzen und das alles nicht mehr wegzudenken ist, so bedeutete der Einzug des Computers in die grafische Berufswelt für Dich eigentlich eine Katastrophe.
Erzähl‘ mal, was diese Entwicklung für Dich konkret mit sich brachte.

Sandra: Es ist nicht so lange her, als gute Layouts noch viel Handarbeit bedeuteten. Meine Skizzen mit meinem schwungvollen und schnellen Strich waren gefragt und beliebt. Das war mein USP. Wer hat das schon. Doch eines morgens standen Computer auf den Tischen in der Agentur. Meine Fertigkeiten mit Stift auf Papier waren somit nicht mehr gefragt – für mich persönlich katastrophal. Fortan war ich eine von Tausenden, die mit dem Computer gestalteten. Das war bitter. Ich zeichnete 15 Jahre lang keinen einzigen Strich mehr von Hand. 


PD: Was war der Schlüsselmoment, der Dich dann nach dieser langen Zeit wieder zurück zu Deinem (buchstäblichen) Handwerk gebracht hat?

Sandra: Ich saß an einem Kunden-Meeting und wollte so ganz locker eine Idee skizzieren. Es gelang mir nur noch ein dürftiges Gekritzel auf Papier. Ich konnte nicht mehr zeichnen – ich habe meinen USP verlottern lassen. Das war ein schmerzlicher Tiefpunkt. Er hat mich aufgeweckt. 

Ich begann mit dem Zeichnen wieder von vorn. Und zwar übte ich an dem, was mein Herz berührt: Mein Hund Maxim, der immer neben mir war. Es gibt über 300 Skizzen von ihm. Nach gefühlten zwei Jahren war ich wieder auf einem Niveau, auf dem sich Neues aufbauen lässt.



PD: Man darf mit gutem Gewissen sagen: Was Heinz Sielmann für seine Expeditionen ins Tierreich filmisch festgehalten hat, findet man bei Dir in illustrierter Fassung.
Woher kommt Deine Faszination für Tiere und wie gelingt es Dir, sie so authentisch rüber zu bringen?

  • Skizze einer fliegenden Eule von Sandra Chiocchetti
  • Japanischer Schneeaffe skizziert von Sandra Chiocchetti
  • Profilskizze eines Dackels
  • Skizze eines Galgo Español von Sandra Chiocchetti
  • Feldmaus lebendig skizziert von Sandra Chiocchetti
  • Englischer Meutehund Basset Hound skizziert von Sandra Chiocchetti
  • Skizze eines Schimpansen im Chiocchetti-Stil
  • Skizze einer Katze von Sandra Chiocchetti

Sandra: Oooh dieser Vergleich macht mich etwas verlegen. Danke für dieses ehrenvolle Kompliment. 

Es half, dass ich bereits als Kind einen starken Bezug zu Tieren hatte, sie beobachtete und mich noch heute in vielen Quellen über sie informiere. 
Im Zentrum steht für mich die Eigenart des Tieres. Ich möchte das Wesen erfassen, den Charakter erkennen, zur Seele vordringen und zu Papier bringen. Tierische Emotionen einfangen.

Skizze einer Ente in Bewegung von Sandra Chiocchetti
Selbst kleinste Bewegungen kommen in Sandra Chiocchettis Stil einzigartig zur Geltung

Somit setze ich konsequent den Fokus auf das «Wesentliche» und lasse alles Unnötige grosszügig weg. Tiere sind sowieso immer in Bewegung. Daher ist es aus meiner Sicht unwichtig, etwas fertig zu zeichnen, was nur eine Fotokamera festhalten kann.



PD: Selbst, wenn man sich so akribisch vorbereitet, muss man das trotzdem noch aufs Papier bringen. Wie gehst Du hier vor?

Sandra: Viele nennen es Talent. Klar, das hilft, aber ich nenne es lieber Fleiss. Denn es braucht ganz schön viel, um es einfach und locker aussehen zu lassen. Wir sprechen hier von Tausenden von Stunden bis zu meinem eigenen Stil, der ganz ohne Pinsel auskommt. 

Ich taste mich mit schnellen Bleistiftstrichen an das Tier heran und merke sofort, welche Linien funktionieren. Denn ab jetzt gibt es keine Retusche-Möglichkeiten mehr. Als nächster Schritt arbeite ich mit Ink Pen und danach mit flüssiger Tusche – ganz ohne Pinsel.

Sandra Chiocchetti beim Erstellen einer Skizze

Schritt für Schritt nähert sich die Künstlerin dem Charakter ihrer Motive
Sandra Chiocchetti beim Finalisieren einer ihrer Skizzen

Was auf dem Papier ist, bleibt. Jeder Strich, jeder Farbfleck. Diese Technik bringt Zufälle mit sich, die im letzten Schritt zu integrieren sind. Treffe ich nicht die passende Farbe oder Intensität, beginne ich nochmals von vorne. Ja meine Technik fordert eine hohe Frust-Toleranz (lacht).



PD: Diese eigene Technik, die Du Dir über die Jahre erarbeitet hast und Dein Wissen vermittelst Du auch in Workshops. Was gibst Du Deinen Teilnehmern an die Hand, wenn sie sich Deinem Chiocchetti-Stil nähern? Was ist Dein Mantra, sozusagen? 

Sandra Chiocchetti gibt ihren Workshopteilnehmer:innen Tipps zur richtigen Arbeitsweise
Sandras Tipp für Workshop-Teilnehmer:innen:
Distanz zum Blatt schaffen und keine Angst vorm mutig Sein.

Sandra: Mein Stil wirkt dank Lockerheit. Da hilft es, das Papier auch mal auf den Stuhl oder den Boden zu legen und stehend weiter zu zeichnen. Mut und Spontanität ist ein ständiger Begleiter in meinem Stil. Manches gelingt – und vom anderen lernt man.



PD: Natürlich kann man auch Dir als Profi das Zeichenblatt überlassen und Dich beauftragen. Da sprechen wir quasi von Portraits eines Familienmitglieds, das die Familie am Ende ja dann auch wahrnehmen möchte. Wie unterscheidet sich die Arbeit an einem solchen Werk von der an einem von Dir gewählten Motiv?

Sandra Chiocchetti beim Portraitieren eines Galgos
Sandra Chiocchetti beim Portraitieren eines Galgos

Sandra: Auch hier steht die Persönlichkeit des Tieres im Fokus. Und zwar so, dass sie nicht nur die Bezugsperson, sondern auch andere Familienmitglieder und Freunde erkennen.

Ein persönlicher Kontakt zum Tier ist nicht nötig, kann sogar hinderlich sein. Einmal zeigte sich ein sonst sehr vorwitziger Hund mir gegenüber verschlossen und desinteressiert. Er hatte einfach einen schlechten Tag. Ich nahm ihn somit ganz anders wahr, als die Besitzerin ihn erlebte. Das stand mir beim Portraitieren immer im Weg. Ich zeichnete das Tier somit mehrmals, bis es passte. Eigentlich zeichne ich lieber anhand einer Auswahl von verschiedenen Bildern und der Charakterbeschreibung. Das ist immer noch anspruchsvoll genug.

Wir danken Sandra von Herzen für das wunderbare Gespräch und den interessanten Schulterblick.

Portrait der Skizzenkünstlerin Sandra Chiocchetti

Mehr über Sandra Chiocchetti und ihre Skizzenkunst erfahrt ihr auf ihrer Webseite
www.skizzieren.ch
und auf Instagram
@chiosketch


Copyright-Hinweis:
Alle Bilder in diesem Artikel ©Erna Drion

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