Künstlerportrait Paul Gauguin – Post-impressionistische Südseeträume

Titelbild zum Paul Gauguin Künstlerportrait

Mit dem Künstlerportrait im Juni reisen wir nicht nur über 150 Jahre in die Vergangenheit, sondern auch mehr als 15.000 Kilometer weit über den Äquator in die Südsee. Wir begleiten einen rastlosen Maler, der für seine künstlerische Vision die finanzielle Sicherheit eines erfolgreichen Börsenmaklers, die Familie, Heimat und seine Gesundheit aufgibt. Paul Gauguin verfolgte den kolonialen Traum vom exotischen Paradies. Ob er fand, wonach er sich sehnte, erfahrt Ihr heute. Fest steht aber: Seine Suche ermöglichte ihm den Aufbruch zu einer völlig neuartigen Kunst.


Wer war Paul Gauguin?

Paul Gauguin (1848-1903) war ein französischer Maler und einer der einflussreichsten Künstler des Post-Impressionismus. Mit seinem Werk beeinflusste er den Cloisonismus und Symbolismus, war (Mit-)Begründer des Synthetismus und wurde so zum Wegbereiter des Expressionismus und der modernen Kunst.


Leben

Banddesign für Claude Francolin: Paul Gauguin – Das Leben eines großen Malers, ca. 1958.

Kindheit & Jugend

Henry Eugène Paul Gauguin wird am 7. Juni 1848 in Paris geboren. Als er drei Jahre alt ist, verliert sein Vater seine Arbeit als Journalist. Seine Mutter hat peruanische Wurzeln und so beschließt die Familie zu Zeiten politischer Unruhen in Frankreich nach Lima zu ziehen. Vier Jahre lang wächst Paul Gauguin in Peru auf – jedoch ohne seinen Vater, der kurz nach Ende der Überfahrt verstirbt.

Als Paul sieben Jahre alt ist, kehrt seine Mutter mit ihm und seiner Schwester nach Frankreich zurück. Dort besucht Paul eine Internatsschule, als 17-Jähriger lässt ihn „seine Marotte zu fliehen“ bei der Handelsmarine anheuern. Drei Jahre später geht er zum Militärdienst auf See und kommt auf diese Weise nach Südamerika, Indien und an den Polarkreis. Während dieser Zeit stirbt auch seine Mutter.  


Vom Bänker zum Maler

Nach Ablauf seiner Dienstzeit bei der Kriegsmarine nimmt Gauguin 1871 eine Anstellung bei einer Bank in Paris an. Während er erfolgreich an der Börse spekuliert und ein finanziell sorgenfreies Leben führt, beginnt er in seiner Freizeit zu malen. 1873 heiratet er die Dänin Mette-Sophie Gad, mit der er im Jahr darauf das erste von fünf Kindern bekommt.

Gauguin knüpft Kontakte zu den impressionistischen Malern in Paris, Camille Pissarro wird ihm ein guter Freund. Nach mehreren gemeinsamen Ausstellungen und heftigen Verlusten am Finanzmarkt beschließt er 1882, sich ausschließlich der Malerei zu widmen. Nur ein Jahr später eröffnet er sein eigenes Atelier. Schnell muss er jedoch feststellen, dass er mit seinem künstlerischen Schaffen kaum Geld verdient und zieht deshalb mit seiner Familie aus dem teuren Paris weg. Es folgen unruhige Zeiten mit Geld- und Familienkummer, die ihn in die Normandie und nach Dänemark führen. Anschließend geht er allein in die Bretagne, seine Frau und Kinder bleiben in Kopenhagen. Dort trifft er auf den Maler Émile Bernard, der neben Pissarro den größten Einfluss auf sein Werk haben soll. 1887 reist Gauguin mit dem befreundeten Maler Charles Laval nach Panama und für ein Jahr nach Martinique.

Die tropische Pflanzenwelt von Martinique hält Gauguin auf Leinwand fest.

Konflikte & Sinnsuche

Nach seiner Rückkehr wird der mittlerweile völlig mittellose Gaugauin von Vincent van Gogh, den er einige Zeit zuvor in Paris kennengelernt hat, nach Arles eingeladen. Die beiden leben und arbeiten in Südfrankreich zusammen im „Gelben Haus“. Schnell kommt es jedoch zu Konflikten zwischen den Künstlern, die im Dezember 1888 in einem legendenumwobenen Vorfall gipfeln. Van Gogh verliert einen Teil seines linken Ohrs und Paul Gauguin reist überstürzt nach Paris ab.

Dieses Porträt von dem Sonnenblumen malenden Van Gogh fertigt Paul Gauguin 1888 in Arles.

Er beginnt wieder in der Hauptstadt und in der Künstlerkolonie von Port-Aven zu arbeiten. Der Kunstbetrieb in Europa widert ihn jedoch immer mehr an. Er sehnt sich nach Ehrlichkeit und Reinheit in den Menschen und ist überzeugt, dass er sie nur fernab der Zivilisation finden kann. Seine Suche führt ihn 1891 nach Tahiti, wo er den Großteil seines restlichen Lebens verbringen wird, um seine Kunst „im primitiven und wilden Zustand“ zu pflegen.


Gauguin in der Südsee

Er lebt und malt in Papeete und später im Süden der Insel unter den Eingeborenen. Nach fast drei Jahren geht er aufgrund einer Krankheit nach Paris zurück. Obwohl die Bilder aus dieser Zeit heute zu seinen bekanntesten Werken zählen, finden sie in der Stadt kaum Gefallen. So entschließt sich Gauguin bald enttäuscht dazu, wieder in die Südsee zurückzukehren. Er versteigert 1895 seine jüngsten Werke und verlässt mit dem Erlös daraus Frankreich für immer.

Paul Gauguin: „Berge auf Tahiti“ (Öl auf Leinwand).

Insgesamt sechs Jahre lebt Paul Gauguin malend auf Tahiti. Seine Erlebnisse in Polynesien schildert er in der Erzählung „Noa Noa“. Obwohl er die Südsee Zeit seines Lebens nicht nur in seiner Kunst als exotisches Paradies proklamiert, ist er in Wahrheit von der Europäisierung Polynesiens enttäuscht. Dennoch versucht er auf Tahiti sein Glück. Über die Jahre beginnt er zusätzlich an verschiedenen Krankheitssymptomen zu leiden, 1898 stirbt seine Tochter Aline überraschend in Paris. Psychisch und physisch schwer gezeichnet begeht Gauguin daraufhin einen Selbstmordversuch.

Schon seit er in seinen ersten Wochen in Papeete eindrucksvoll gearbeitete marquesanische Vasen gesehen hatte, hegt er den Wunsch auf die ursprünglicheren Marquesas-Inseln zu gehen. Als er 1901 schwer an Syphilis erkrankt und Schwierigkeiten mit den Kolonialbehörden hat, macht er sich von Tahiti auf den Weg dorthin. Er lässt sich auf der Insel Hiva Oa nieder, kann sich von seiner Krankheit aber nicht mehr erholen. Am 08. Mai 1903 stirbt er mit 54 Jahren in Atuana auf Hiva Oa.

Die „Reiter am Strand“ malt Paul Gauguin 1902 auf Hiva Oa.
Das Werk ist die Inspiration für unsere Papeterie Farbpalette im Juni.

Das künstlerische Werk von Paul Gauguin

Impressionistisches Frühwerk

Als er anfängt zu malen, orientiert sich Gauguin zunächst an seinem Umfeld. Wie seine Künstlerfreunde und sein Lehrer Pissarro malt er im Stil des Impressionismus. Seine Bilder zeigen die charakteristischen Merkmale wie verschwimmende Formen und viele kleine Pinselstriche nebeneinander. Auch sein bevorzugtes Thema – die Landschaft – war typisch für die Impressionisten.

Obwohl einige seiner Werke aus dieser Zeit heute sehr geschätzt werden und Gauguin sich an mehreren impressionistischen Ausstellungen beteiligt, erhält seine Arbeit nicht viel Aufmerksamkeit.

Das Ölgemälde „Marktgärten von Vaugirard“ (1879) ist heute ein geschätztes Bild aus Gauguins Frühwerk.

Über mehrere Jahre malt er konventionelle impressionistische Bilder ohne besondere Impulse. Erst nach seiner Reise in die Karibik beginnt Gauguin seinen eigenen Stil zu entwickeln. Beeinflusst wird er dabei von den Künstlern in Pont-Aven. Inspiriert von Émile Bernard beginnt er im Stil des Cloisonismus mit reinen Farben, großen Flächen und scharfen Konturen zu arbeiten.

Gauguins Gemälde „Der gelbe Christus“ (1889) ist ein typisches Cloisonisten-Werk.
Die Figur ist auf Abschnitte reiner Farben vereinfacht, die durch schwarze Linien getrennt sind.

Synthetismus

Gauguin distanziert sich von der traditionellen Perspektive und verzichtet gänzlich auf feine Farbabstufungen. Damit verwirft er die zwei wichtigsten Charakteristiken der Nach-Renaissance-Kunst. Seine Malweise vereint Merkmale des Cloisonismus und des Symbolismus und zusammen mit anderen Künstlern der Schule von Pont-Aven entwickelt er den Synthetismus.

Übrigens: Der Synthetismus
Ziel des Synthetismus war es, die Motive nicht direkt von der Natur auf die Leinwand zu übertragen. Stattdessen wollten die Künstler bleibende Eindrücke aus dem Gedächtnis wiedergeben und strebten in ihren Motiven die Synthese von Wahrnehmung und der eigenen Vorstellungswelt an. Dabei entstanden stark vereinfachte, von der exakten Abbildung gelöste Darstellungen mit flächigem Farbauftrag, zweidimensionaler Wirkung und dekorativen Elementen. Weder Formen noch Farben dominieren in den Werken, beide spielen eine angemessene Rolle.

Mit dem Synthetismus verfolgt Gauguin das Ziel, zu einfachen und ursprünglichen Gestaltungen zurückzufinden. Sie sollen nicht die sichtbare Wirklichkeit wiedergeben, sondern Gedanken und Gefühle ausdrücken. Dadurch will er eine Verjüngung und Erneuerung seiner Kunst erreichen.

Paul Gauguins „Vision nach der Predigt“ (1888) gilt als Vorzeigewerk des Synthetismus und
hat eine bedeutende Rolle in der post-impressionistischen Bewegung in Pont-Aven gespielt.

Bilder der Südsee

Paul Gauguin hat seine eigene Bildsprache gefunden. In der Südsee will er von nun an seine Kunst „im primitiven und wilden Zustand pflegen“. Er liebt das Experimentieren mit Farben, die für ihn eine symbolische Rolle spielen. Der Einsatz von unterschiedlichen Farbkombinationen ist ihm wichtiger, als sich zum Beispiel mit Dreidimensionalität zu beschäftigen.

Der Großteil seiner Werke zeigt Szenen aus dem tahitianischen Leben. Vor allem in die früheren Bilder aus dieser Zeit lässt er auch christliche Themen einfließen. „La Orana Maria“ (Deutsch: „Gegrüßet seist Du, Maria“) zeigt eine abgewandelte Darstellung der heiligen Maria und dem Jesuskind mit einfachen, in sich ruhenden Menschen in einer ursprünglichen exotischen Landschaft.

La Orana Maria“ (1891) wurde zum wohl beliebtesten tahitianischen Werk von Paul Gauguin.

Gleichzeitig zeigen Gauguins Bilder auch mythologische Motive der polynesischen Kultur. Seine Bildtitel wählt er meist in der Sprache der Maori, was seine Vorliebe für das Rätselhafte und Geheimnisvolle betont. Die Bilder selbst sind in eindrucksvoll kräftigen Farben gemalt, die Bildgegenstände sind flächig nebeneinandergesetzt. Durch Abstrahierung und Stilisierung erreicht Gauguin eine große Ausdrucksstärke.

In dieser Zeit malt Paul Gauguin einige seiner schönsten Gemälde.
Vahine no te tiare“, die Frau mit einer Blume, ist berühmt für die Darstellung polynesischer Merkmale.

Spätwerk

Neben den vom Leben auf Tahiti inspirierten Werken, nimmt die Aktmalerei eine große Rolle in Paul Gauguins Kunst ein. Außerdem malt er einige Stillleben und verdient sein Geld mit Auftragsarbeiten.

Detailaufnahmen einer Kunstpostkarte mit einem Porträtbild von Paul Gauguin. Es zeigt Jeanne Goupil, die Tochter des Rechtsanwalts Auguste Coupil, der das Bildnis von ihr 1897 in Papeete bei Gauguin in Auftrag gibt.

1897 entsteht auch das Bild, das Paul Gauguin selbst als sein Haupt- und Meisterwerk bezeichnet: Das fast vier Meter lange Ölbild „Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?“ hat einen testamentarischen Charakter und greift die Urfragen des Menschen nach dem Sinn und Ziel des Lebens auf. Gaugauin malt es kurz vor seinem Selbstmordversuch.  

Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?“ von Paul Gauguin ist heute im Besitz des Museum of Fine Arts in Boston.

In Europa wird seiner Kunst jetzt langsam mehr Aufmerksamkeit geschenkt. 1900 kann Gauguin einen Vertrag mit dem Kunsthändler Ambroise Vollard abschließen, der ihm ein regelmäßiges Einkommen sichert. Nur drei Jahre vor seinem Tod ist es das erste Mal, dass Gauguin
– wenn auch bescheiden – von seiner Kunst leben kann.

Heute gilt Paul Gauguin als einer der bedeutendsten Künstler des Post-Impressionismus mit großem Einfluss auf die moderne Kunst. Vincent van Gogh, Henri Matisse, Georges Braque und Pablo Picasso sind nur einige der Maler, die sein Werk zu Beginn des 20. Jahrhunderts inspirierte.


Paul Gauguin – Why Are You Angry?

Die Alte Nationalgalerie in Berlin zeigt noch bis zum 10. Juli 2022 die Ausstellung „Paul Gauguin – Why Are You Angry?“. Also nichts wie nach Berlin, wenn Ihr die Bilder des einflussreichen Künstlers live sehen wollt!

Die Ausstellung zeigt einige der bekanntesten Werke aus Gauguins Jahren in der Südsee. Euch erwarten jedoch nicht nur die bunten Farben der Tropen. „Paul Gauguin – Why Are You Angry?“ betrachtet auch die westlichen, kolonialen Vorstellungen von Exotik und Erotik in seiner Kunst kritisch vor dem Hintergrund aktueller Diskurse und Themen. Der vom Maler erschaffene Mythos des „wilden Künstlers“ wird ebenso diskutiert. Das Ganze wird dann den Positionen zeitgenössischer Künstler:innen gegenübergestellt. Richtig spannend, finden wir!

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